Eine Auswahl der "Kulturkolumnen" aus der

Das neue Paßfoto
Vor sieben Jahren ist mein Ausweis abgelaufen. In zwei Wochen läuft mein Paß ab. In drei Wochen will ich verreisen. Also auf zum Einwohnermeldeamt. Aber nicht zum Fotografen. Die Dokumente sind teuer genug, da genügen Automatenfotos. Außerdem ruft der Fotofix Erinnerungen an lustige Grimassenfotos wach, die wir früher auf dem Heimweg von der Kneipe gemacht haben. So dachte ich.
Aber die Zeiten haben sich geändert. Der Fotofix im Paßamt sprach und gab Anweisungen. Frontal in die Kamera blicken! Kein Halbprofil! Also blickte ich frontal in die Kamera. Die Haare dürfen nicht die Augenpartie bedecken! Gehorsam strich ich meine Haare zurück und versuchte, lächelnd meine Anspannung zu lockern. „Lächeln Sie nicht!“ befahl die Automatenstimme. Ich dachte an Libyen, Fukushima und meinen bevorstehenden Zahnarzttermin und lächelte nicht mehr. Der Automat schwieg. Ich deutete sein Schweigen als Zustimmung zu meiner Miene und drückte den grünen Knopf.
30 Sekunden später hielt ich den Fotostreifen in der Hand. 46 Jahre alt mußte ich also werden, um zu erfahren: Es gibt mich zweimal. Einmal als Dr. Jekyll, einmal als Mr. Hyde. Erschüttert betrachtete ich die grimmige Fratze auf dem Foto. Diesem Menschen war alles zuzutrauen, vom Kettensägenmassaker bis zum Kindesmißbrauch. Haß quoll aus seinen stechenden Augen, die Stirnfalten verrieten Brutalität, die Mundwinkel Grausamkeit. Der Beamte, dem ich den Fotostreifen überreichte, zeigte die einzig richtige Reaktion und verlangte meine Fingerabdrücke. Ich erschrak. „Nein!“ stammelte ich, „ich war‘s nicht!“ – „Bitte? Sie waren was nicht?“ – „Alles – die Banküberfälle in Mögeldorf und Allersberg– der Mord im Lottoladen in Sündersbühl – der Raubüberfall auf die Tankstelle in Fürth – und diese Serie der unaufgeklärten Dönerbudenmorde – das war ich alles nicht – das war der auf dem Foto – ich weiß von nichts – als ich klein war, hab ich immer heimlich die Werwolfgroschenromane von meiner Tante gelesen – ich hab doch nicht gewußt, daß das irgendwann abfärbt –“
Im Paßamt war es still geworden. Von draußen hörte ich eine verstärkte Stimme, die mir befahl, das Gebäude nackt und mit erhobenen Händen zu verlassen. Nur der Beamte saß mir noch gegenüber. Ich überwältigte ihn, setzte ihm mein Taschenmesser an die Kehle, bahnte mir mit meiner Geisel einen blutigen Weg zum Flughafen und entführte eine Maschine nach Feuerland, wo ich sofort nach der Landung Crew und Passagiere niedermetzelte, um alsdann unterzutauchen.
Ging ganz leicht. Auf den weltweiten Fahndungsplakaten ist nämlich mein neues Paßfoto. Auf dem erkennen mich nicht mal meine Freunde.
18.5.2011
schon GEZahlt?
Früher kamen die vorgedruckten Briefe etwa alle drei Jahre, dann kamen sie jährlich, und mittlerweile fragt mich die GEZ im gefühlten Vierteljahrestakt, ob ich denn auch ganz bestimmt und wirklich keinen Fernseher besitze. Natürlich immer mit der Bitte um Verständnis, daß sie mich schon wieder anschreiben, aber es könnte ja sein, daß ich mir inzwischen einen Fernseher gekauft habe.Nein, ich habe noch immer keinen, und Verständnis habe ich schon lang nicht mehr. Halten die mich für senil, verkalkt und veralzheimert? Glauben die ernsthaft, ich könnte immer noch vergessen, einen Fernseher anzumelden? Trotz der mehreren Dutzend Briefe, die ich im Lauf der letzten 25 Jahre bekommen habe? Die haben mich inzwischen so weit, daß ich im Fall eines Fernseherkaufs noch vom Elektrofachmarkt aus anrufen würde: „Ich stehe gerade mit einem Fernseher an der Kasse – in 20 Minuten bin ich zuhause – in 30 Minuten werde ich ihn anschließen – bitte ziehen Sie sofort die fällige Gebühr ein! Ich werde das Gerät erst einschalten, wenn das Geld von meinem Konto abgebucht ist – ich schwöre!“
Ein Freund von mir, ebenfalls fernseherlos, erzählte mir einmal, er habe der GEZ vor Jahren auf ein entsprechendes Schreiben geantwortet, daß er aufgrund seiner Scheidung finanziell ruiniert sei und sich keinen Fernseher leisten könne. Seither, sagte er mir, habe er Ruhe. Daraufhin verfaßte ich einen handschriftlichen, drei Seiten langen Brief an die GEZ, in dem ich ausführlich darlegte, daß es zu meinen Lebensprinzipien gehört, keinen Fernseher zu besitzen. Es nützte nichts. Ein Vierteljahr später war wieder der stereotype GEZ-Brief im Kasten.
Jetzt, nach Abschaffung der Wehrpflicht, wäre die einmalige Chance da, mit diesem Psychoterror Schluß zu machen und gleichzeitig die kreiswehrersatzamtlichen Gewissensprüfer mit einer neuen, sinnvollen Aufgabe zu betrauen. Wie gern würde ich ihnen schreiben, daß ich in abgrundtiefe, behandlungsbedürftige Depressionen fiele, wenn ich mich mit den Schreckensbildern aus aller Welt bombardieren ließe, daß ich nicht über genug innere Kraft verfüge, um die Konfrontation mit Krieg, Hunger, Armut und Katastrophen zu ertragen, daß ich von quälenden Schuldgefühlen heimgesucht werde, weil ich hier in Schutz und Sicherheit im Zeichen der Burg lebe, während andere im Elend dahinvegetieren, daß ich es nicht aushalten würde, mir täglich den drohenden Weltuntergang anzusehen, ohne ihn aufhalten zu können, daß ich es nicht einsehe, dafür auch noch bezahlen zu müssen, und daß ich deshalb den Dienst am Bildschirm verweigere und hiermit um meine offizielle Anerkennung als Fernsehverweigerer bitte.
Aber es wird wohl eher darauf hinauslaufen, daß ich, nach 25 Jahren Korrespondenz mit der GEZ ein gebrochener Mann, demnächst einen Fernseher anmelde. Ich kann bloß hoffen, daß ich damit nicht verpflichtet bin, mir wirklich einen zu kaufen.
6.4.2011
Fränkischer Tatort
Das Thema „Tatort“ brennt wieder einmal in der fränkischen Seele. Nur scheinen genau diejenigen, die am vehementesten einen „Tatort made in Franken“ einfordern, noch niemals irgendeine Folge der Serie gesehen zu haben – anders kann ich mir die hirnrissigen dialektdümpfligen Diskussionen nicht erklären.Schaltet am Sonntagabend um 20 Uhr 15 den Fernseher ein oder lest meine Kolumne zu Ende! Denn wahrlich, ich sage euch: Der „Tatort“ ist kein Krimistadel. Die Ermittler sprechen stets hochdeutsch, allenfalls ein leicht regional gefärbtes Deutsch, aber niemals Dialekt – der ist, wenn er denn vorkommt, den Nebenfiguren vorbehalten, und auch diese begeben sich nie in die tiefsten sprachlichen Niederungen hinab, in denen der Dialekt zur Geheimsprache der Einheimischen wird. Täten sie es doch, hätte noch keiner, der dort nicht zuhause ist, jemals einen Stuttgarter, Ludwigshafener oder Leipziger Tatort verstanden.
Die hiesige Diskussion sollte sich besser darum drehen, welche fränkischen Städte und Gegenden interessante und inspirierende Schauplätze wären, was im Falle Nürnberg erfordern würde, sich von der neurotischen Zwangsfixierung auf Altstadt, Kaiserburg und Reichsparteitagsgelände zu lösen und Gostenhof oder die Werderau ins Visier zu nehmen, den Rangierbahnhof oder den Südwestpark, heruntergekommene Industrierelikte wie in Schafhof oder Gibitzenhof, das rußlanddeutsche Milieu in Langwasser, das Multikultimilieu in der Südstadt, das Autohändlermilieu in der Fuggerstraße und Leyher Straße, und und und.
Ansonsten wären, wie für jeden anderen gelungenen „Tatort“, tragfähige, unverwechselbare Ermittlerfiguren erforderlich, für die hier schon ausbaufähige Vorlagen geschaffen wurden – etwa in Gestalt des skurrilen Grantlers Kommissar Maul, der sich seit einiger Zeit in den Romanen und Stories von Veit Bronnenmeyer herumtreibt. Ein gutes Drehbuch nebst guten Darstellern dürfte ebenfalls mehr zählen als die Frage „Wie ausgeprägt darf ein Nürnberger Ermittler das ‚Waffel-L‘ artikulieren, damit Hein Hansen aus Husum ihn noch versteht?“ Und auch was den Plot betrifft, wäre es erlaubt, über den fränkischen Schäufeletellerrand hinauszublicken und Themen aufzugreifen, die von überregionalem Interesse sind, sich aber eben (auch) in Franken manifestieren.
Doch solange man sich hier über den Dialekt definiert und an der völlig irrelevanten, kleinkarierten und unsäglich provinzhuberischen Fragestellung klebt, ob denn ein fränkischer Kommissar im restlichen Deutschland verstanden würde, oder gar, ob er denn nun unter-, ober- oder mittelfränkisch zu sprechen hätte – solange wird es auch keinen fränkischen „Tatort“ geben. Außer als Heimatkrimi-Lachnummer.
16.2.2011
Vom Wutbürger zum Weichbürger
Wir seien alle verweichlicht, hab ich in mehreren Zeitungskommentaren gelesen. Kaum sei ein bißchen Schnee da, gehe das Gejammer los – ha! Dabei müßte man doch einfach nur zwei Stunden früher aufstehen, um mit genügend Zeitreserve und einem fröhlichen Lied auf den Lippen das Auto freizuschaufeln und sich alsdann gut gelaunt in den Stau zu begeben, ausgerüstet mit Wolldecke, Müsliriegel und einer teegefüllten Thermoskanne, falls gar nix mehr geht.Im Herbst hießen wir noch Wutbürger. Jetzt sind wir plötzlich Weichbürger. Dabei jammert ja niemand über den Schnee – der ist auch nicht das Problem. Das Problem ist der Weltbetrieb, der genauso weiterlaufen soll wie immer. Und weil im Schnee keine Infrastruktur mehr so richtig funktioniert, soll dafür der Mensch um so besser, schneller und mit Überstunden funktionieren.
Perfiderweise werden wir alljährlich ab dem Spätsommer mit ganz anderen Winterbildern gefüttert. Ein Paradies wird uns verhießen mit langen kuscheligen Abenden am knisternden Kaminfeuer oder am mollig warmen Kachelofen, mit heißer Schokolade, Kerzenschein und einem Stapel Lieblingsbücher neben dem Sofa. Die Welt schläft und läßt uns in Ruhe. Draußen rieselt der Schnee und hüllt sie ein …
Mit diesen Visionen im Kopf steht ein großer Teil der Menschheit, wenn der Winter wirklich da ist, zu Eiszapfen gefroren auf zugigen Bahnsteigen – Bahnhofsgebäude mit geheizten Warteräumen gab‘s früher mal, für die verweichlichten Vorfahren, die den größten Teil des Winters in der Spinnstube verbrachten – und wartet auf überfüllte verspätete S-Bahnen mit ausgefallener Heizung und defekten Toiletten, in die sie am liebsten gar nicht einsteigen würde, weil das Ziel stressige Arbeitsplätze und lästige Termine sind, zu denen sie nicht einmal bei Sonnenschein und zwanzig Grad plus hinwollte. Wir sind zum x-ten Male auf die verheißungsvollen Bilder hereingefallen, und einer der elementarsten Wünsche, die man an das Leben haben kann, bleibt unerfüllt: Einfach nur eine Weile Ruhe haben. Notfalls auch ohne Kaminfeuer. Aber der Betrieb läuft ohne Pardon mit Vollgas weiter.
Mein Neujahrsvorsatz lautet: Wenn Schnee fällt, wird in Zukunft ein paar Gänge runtergeschaltet. Oder Pause gemacht. Natürlich unter dem Vorbehalt, daß außer mir noch ein paar Millionen mit diesem guten Vorsatz ins neue Jahr gehen. Sonst heißt‘s noch, ich bin der einzige Weichbürger im Land.
5.1.2011
Terrorwarnung
Die Zeitungen warnen vor Terrorgefahr in Deutschland. Und die Nürnberger Zeitungen warnen vor Terrorgefahr auf dem Christkindlesmarkt – wir befänden uns bereits auf Stufe 9 der zehnstufigen Terrorskala, und zu wenig Polizisten hätten wir obendrein.Eines vermisse ich allerdings in den Zeitungen: Handfeste Ratschläge. Wenn zum Beispiel, wie jedes Jahr, völlig überraschend der Winter über uns hereinbricht, meldet die Presse ja auch nicht nur: „Meteorologen schlagen Alarm – Kälte, Schnee und Glatteis stehen bevor“, sondern läßt namhafte Winterexperten zu Wort kommen, die uns Winterlaien darüber aufklären, daß wir demnächst lange Unterhosen anziehen und Winterreifen aufziehen sollen, und daß Schokolade gegen die Winterdepression hilft.
Aber mit der Terrorpanik läßt man uns allein. Vergebens habe ich in der Zeitung Überschriften gesucht wie „Das ABC der Terrorkunde – was Sie jetzt beachten müssen“. Oder: „So kommen Sie sicher durch den Terror – die zehn ultimativen Tipps und Tricks“. Was soll ich denn jetzt tun? Nur zweihundert Meter von meiner Wohnung entfernt befindet sich der Luftschutzbunker an der Christuskirche. Ob ich da schon mal mit einer Auswahl meiner Lieblingsbücher Quartier beziehen soll? Und falls ich im Bunker irgendwann fast durchdrehen sollte vor Verlangen, auf dem Christkindlesmarkt ein paar Becher Glühwein zu trinken – kann ich dort eventuell gefahrlos hingehen, wenn ich mir ein Palästinensertuch umbinde? Als versöhnliche Geste an den lauernden Selbstmordattentäter, damit er gleich weiß: „Der Mann hat nix gegen den Islam – nicht in die Luft sprengen!“
Oder müssen wir den Christkindlesmarkt dieses Jahr strikt meiden und ihn den Survivaltouristen aus aller Welt überlassen, die in Terrorschutzkleidung durch die gepanzerten Budenstraßen robben? Kein Experte sagt uns, was Sache ist! Warum dann überhaupt die Terrorwarnungen? Wollen die womöglich, daß wir einfach bloß daheimbleiben und Angst haben? Das kann ich mir beim besten Willen nicht vorstellen.
Also, bitte rüber mit den Terrortipps! Wenn‛s sein muß, gründe ich eine Bürgerwehr, die Tag und Nacht am Hauptbahnhof, am Flughafen und an allen Einfallstraßen patrouilliert und jeden filzt, der nach Nürnberg will. Alles ist möglich! Nur, wissen muß man halt, wie man dem Terror am besten die Stirn bietet.
Vorsorglich klingle ich schon mal bei meinem Nachbarn und frage ihn, ob er dabei wäre – Seite an Seite mit mir und anderen Mitstreitern gegen den Terror!
Der winkt ab. „Das machen die schon“, sagt er. „Morgen gibt‛s hier ein paar hundert neue Überwachungskameras gegen den Terror, übermorgen kriegen wir Mikrochips implantiert gegen den Terror, und über-übermorgen …“ Er lächelt sphinxisch.
Und ich fühle mich schlagartig absolut sicher.
24.11.2010