Eine Auswahl der "Kulturkolumnen" aus der

Jahresprognose 2010
Noch dümpelt das neue Jahr vor sich hin. Aber bald wird‘s wieder Action geben. Und wie! Die nächste Grippe-Epidemie steht vor der Tür. Dieses Jahr läuft nämlich das Haltbarkeitsdatum der „Tamiflu“-Vorräte ab, die 2005 von diversen europäischen Regierungen angelegt wurden. Das Zeug muß weg! Bereits im November, als der Schweinegrippeflop nicht mehr zu leugnen war, wurde die weltweit operierende Werbeholding Omnicom von der WHO beauftragt, einen neuen megageilen Epidemienamen zu erfinden, der natürlich auch so richtig horrormäßig rüberkommen soll – man darf gespannt sein.In Bayern steht ein neues Volksbegehren in den Startlöchern: „Für echten Nichtautofahrerschutz“. Lang genug hat man‘s im Guten probiert, mit Tempo-30-Zonen hier und Verkehrsberuhigung dort. Aber die Autofahrer brettern immer noch durch die Straßen, wie es ihnen paßt, und mähen jährlich zigtausende Menschen nieder – 30.000 Schwerverletzte und 2.000 Tote jährlich sind die Bilanz in Deutschland. Dabei sind sich die Initiatoren einig, daß das Autofahren keineswegs verboten werden soll – außer auf Straßen natürlich. Wer unbedingt weiterhin sich selbst zu Tode rasen will, könne dies in Zukunft gerne auf ausgewiesenen Pisten tun, wo er keinem Fußgänger schadet. Eine vom ADAC befürwortete Clublösung, die einen Teil des bayerischen Straßennetzes in Autofahrerclubgelände umwandeln würde, ist im Volksbegehrensentwurf nicht vorgesehen. Heiße Auseinandersetzungen sind vorprogrammiert.
Ferner steht eine neue Reform der Reform der Rechthabreform bevor. „Wer lernt unsere Kinder Deutsch?“ haben sich im vergangenen Jahr manch verwirrte Eltern von Grundschülern gefragt, denen seitens des Lehrpersonals per Rundschreiben u. a. mitgeteilt wurde, ihre Kinder hätten Hefte im „Vormat“ DIN A 4 mitzubringen, und zwar „karriert“. Auch schulische Arbeitsblätter mit „Mittlaut“-Übungen lösten da und dort zweifelndes Nachschlagen im DUDEN aus. Der bayerische Elternverband fordert eine bessere Ausbildung der Lehrer, der Philologenverband fordert weitere zulässige Varianten in der Schreibung schwieriger Wörter, und Gegner einer neuen Reform wiederum kämpfen für Englisch ab der 1. Klasse als Unterrichtssprache in allen Fächern, denn das Orchideenfach „Deutsch“ sei nicht mehr zeitgemäß und überfordere Lehrer wie Schüler.
Mehr prognostiziere ich nicht. Denn allein damit wären wir doch in unserer Anstalt wieder mal ein Jahr lang schön beschäftigungstherapiert, oder?
Abendzeitung, 20.1.2010
Die Glühbirnen-Guerilla
Bei uns im Hausflur war vor ein paar Wochen die Glühbirne hinüber, und jemand hat eine neue reingeschraubt. Eine Energiesparlampe. Seitdem fühle ich mich eigenartig beklommen, wenn ich spätnachts nach Hause komme. Das Licht sieht aus, als müßte demnächst einer neben den Briefkästen stehen und meinen Ausweis verlangen. „Tannert, 4. Stock links? Wo kommen Sie um diese Zeit her? Von der Kneipe? Aha. Lassen Sie mal Ihr Fahrrad inspizieren – da ist ja gar kein Scheinwerfer dran! Also betrunken ohne Licht, das wird teuer!“ – nach so einer Situation sieht der Hausflur jetzt aus. Ich werfe mein Rad in den Hinterhof und hetze treppauf in meine Wohnung.
Die Medizin hat eine Erklärung für meine Paranoia. Der starke Blauanteil des Energiesparlichts fördert den Ausstoß von Adrenalin, sagen Experten, während wiederum die Bildung des Schlafhormons Melatonin verhindert wird. Nicht auszudenken, was für Seelenkrüppel aus uns werden, wenn unsere kollektive europäische Finanzkrisenpanik auch noch von diesem Streßhormonlicht bestrahlt wird. Die Pharmaindustrie bastelt mutmaßlich schon an den passenden Psychopillen...
Bloß nicht paranoid werden – Kerze anzünden und in aller Ruhe über Gegenmaßnahmen nachdenken. Am liebsten würde ich in drei Wochen die Glühbirnenpartei wählen – aber die müßte ich erst gründen. Nein, man muß die Macht der Verbraucher aktivieren! Was, wenn wir alle das Energiesparlicht boykottieren? Voll Überschwang rufe ich noch zu später Stunde einen Freund an, auch er ein bekennender Anhänger der herkömmlichen Glühlampe.
„Wir kaufen das Zeug einfach nicht! Auch in zehn Jahren und in zwanzig Jahren nicht! Wir werden einen Boykottaufruf verbreiten in ganz Europa! Dann werden die schon sehen!“
Der Freund ist skeptisch und eher Anhänger von subversiven Maßnahmen. Er habe Kontakte nach Weißrußland geknüpft, dort gründeten sich bereits, so er, die ersten kriminellen Vereinigungen zum Zwecke der illegalen Versorgung frustrierter EU-Insassen mit Glühlampen.
„Das wird nicht lang gut gehen!“ halte ich entgegen. „Die werden mit der Zeit alle Schmugglerringe ausheben – und dann? Nein, wir müssen in die Offensive gehen! Wir dürfen uns diese Verbotspolitik nicht länger gefallen lassen! Und wenn es keine Glühlampen mehr gibt, stehen wir den Boykott bei Kerzenlicht durch! Wenn‘s sein muß, jahrelang!“
Da lacht er nur. „Das kannst du vergessen. Denn wenn es so weit kommen sollte, werden sie eine Studie in Auftrag geben, die nachweist, daß beim Abbrennen einer Kerze krebserregende Stoffe freigesetzt werden. Daraufhin werden sie Kerzen verbieten, und die Boykotteure sitzen im Dunkeln.“
Nächstes Jahr fahren wir gemeinsam nach Osten. Lieber werde ich kriminell, als am Tod der guten alten Kerze schuld zu sein. Und wenn Sie in ein paar Jahren Ihre Kaltlichtdepression haben – wenden Sie sich an den Tannert von der Glühbirnenguerilla.
Abendzeitung, 9.9.2009
Gostenhof ist ein Dorf
Wenn mir die Südstadt zu städtisch wird, mache ich einen Ausflug aufs Land. Ich hab nicht weit – das Dorf Gostenhof liegt gleich nebenan. Oft heißt das Ziel meiner Wahl „Schanzenbräu“, obwohl sich Chef und Bedienung taub stellen, wenn die Stichworte „Aschenbecher“ und „Geschlossene Gesellschaft“ fallen. Vielleicht genießen sie es, drei Mal stündlich für jeweils zehn Minuten in der menschenleeren Kneipe ihre Ruhe zu haben, wenn alle Tischbesatzungen nach draußen marschieren, um die geschlossene Gesellschaft auf dem überfüllten Bürgersteig stattfinden zu lassen – die Ruhe sei ihnen gegönnt.
Ungünstig betroffen sind die Anwohner. Neulich öffnete sich gegenüber im dritten Stock ein Fenster, und jemand schrie etwas, was eindeutig auf „-aut“ endete. Die fröhliche Runde vor der Kneipe störte ihn offenbar. Aber sicherheitshalber rief einer hinauf: „Was is los?“
Wieder kam etwas zurück, aus dem man deutlich „-aut“ heraushören konnte. Der Gesprächspegel wurde um eine weitere Handvoll Dezibel zurückgefahren, und einer fragte noch einmal nach, denn ganz genau verstanden hatten wir noch immer nicht: „Was willst?“
Der am Fenster holte tief Luft, und jetzt gab es keinen Zweifel mehr, was er schrie:
„Zwaamal drei Bratwürscht mit Kraut! Sagt vielleicht amal anner drin Bescheid?!“
„Reicht‘s vielleicht noch nach der Zigarette?“ fragte eine Blonde, die dem Eingang am nächsten stand. Aber der Notstand im dritten Stock gegenüber war groß:
„Naa – sofort! In zehn Minuten kommi runter zum Abholen!“
Bis jetzt fühlte ich mich in der Südstadt nicht schlecht aufgehoben. Zum Beispiel kann ich bei meinem türkischen Lebensmittelhändler wie auch beim Tabakhändler anschreiben lassen, wenn ich pleite bin. Aber so einen „Über-die-Straße-gebrüllt“-Service gibt‘s mutmaßlich nur in Gostenhof. Jetzt weiß ich natürlich auch, warum das Schanzenpersonal darauf besteht, daß draußen geraucht wird. Wenn ich an meinem nächsten Schanzenbräu-Abend wieder einmal vor der Tür stehe, wird mir der Koch – ich bin ganz sicher – plötzlich einen Teller mit sauren Zipfeln in die Hand drücken und mir den Marschbefehl erteilen: „Des bringst nüber in die Glockendon 10 – bei Wittmann klingeln! Und beeil di, der wart scho!“
Und ich werde es tun. Gostenhof ist ein Dorf.
Abendzeitung, 29.7.2009
Apothekerpreise
Sich mit dem Hammer den Daumen blauhauen möchte man! Komasaufen, daß einem am nächsten Tag der Schädel zerspringt! Mal wieder so richtig mit dem Fahrrad auf die Schnauze fliegen, Knie und Ellbogen blutig schürfen! So zuckt es mir durch den Kopf, bereit zum Amoklauf gegen mich selbst, als ich die aktuelle Schnäppchen-Wurfsendung aus der Apotheke betrachte. Schmerztabletten, Lippenherpescremes, Schmerztabletten, Antiallergika, Schmerztabletten, Wundsalben, Schmerztabletten, allesamt zu Top-Preisen – und ich bin gesund, nirgends ein Schmerz im Leib! Zwanzig Migränetabletten gäb‘s für 7,49 statt 9,90 – „Sie sparen 24 %!“ Das ist nachgeschmissen, geschenkt! Bloß die Migräne schenkt mir keiner dazu. Herrgott, warum hilft mir denn keiner beim Sparen? Was ist mit dem Technofreak vom Nachbarbalkon? Pennt der?
„Hey, du Knalldepp da drüben!“ rufe ich hinüber, „ja, dich mein ich! Schau bloß, daß du deine Musik aufdrehst! Ich brauch Migräne – falls du verstehst, was das heißt!“
Er hört Musik, wann es ihm paßt, schreit der Nachbar zurück und droht mir ein paar Schelln an. Da gibt‘s kein Überlegen und kein Zaudern – sofort hinüber, Schelln abholen! Das Wundbalsam gibt‘s nämlich für 1,99 statt 2,99 – da spar ich nochmal 33 % und mit dem Antiseptikum für die geschädigte Haut weitere 36, macht insgesamt – Moment – sagenhafte 93 % Ersparnis. Ob ich bei über 100 % noch was rauskrieg von der Apotheke? Der Nachbar schlägt zu – immer drauf, immer drauf! Da lohnt sich das Brand- und Wundgel auch noch. Nur die sensitive Zahnspülung werde ich mein Lebtag nicht mehr brauchen. Aber jetzt bloß keine Zeit verlieren, flugs zur Apotheke gehumpelt! Am Bratwurststand höre ich einen nach „drei im verschimmelten Weggla“ fragen – ganz klar, der hat die Reisetabletten gegen Übelkeit und Erbrechen im Visier, plus die Familienpackung Imodial gegen Durchfall, plus Tolcid zur Behandlung von Magen- und Zwölffingerdarmgeschwüren.
Vor der Apotheke ein Menschenauflauf. So muß es vor dem Heilig-Geist-Spital ausgesehen haben, als nach Till Eulenspiegels Streich die Siechen und Kranken wieder Einlaß begehrten. Was tun? Erfahrene Pharmaschnäppchenjäger rasen ohne Rücksicht auf Verluste mit dem elektrischen Rollstuhl durch die Menge und schlagen blindwütig mit dem Krückstock um sich. Ein paar unvorbereitete Dilettanten halten ihre Köpfe für last-minute-Schmerzen hin. „Hau noch einmal drauf!“ schreit einer, „ich muß sparen!“ Ich hänge mich an einen der Rollstühle und lasse mich in die Apotheke schleifen, da kommen nebenbei noch ein paar Schürfwunden zusammen.
Im Verkaufsraum toben wüste Wortgefechte.
„Abgabe nur in haushaltsüblichen Mengen – steht doch groß im Prospekt!“ schreit der Inhaber einen Kunden an, der mit 20 Packungen Thomapyrin 460 % sparen will.
„Was waßd denn du, wie in meim Haushalt gsuffm wird?“ brüllt der zur Antwort. „Und wos ich dodervoo fier a Kubfweh hob jeden Dooch? Schau blouß, daßd die Dableddn herdousd!“
Recht hat er! Seit wann halten sich Schmerzen an haushaltsübliche Mengen? Schmerz kann grenzenlos sein, ich spür‘s am eigenen Leib.
Aber noch nie war er so billig wie heute.
Abendzeitung, 13.5.2009
Der Scheck
"Postbank" steht verheißungsvoll an dem kleinen ländlichen Gemischtwarenladen angeschrieben. Ich halte an. Das trifft sich ja ganz wunderbar. Ich hab nämlich einen Scheck in der Tasche. Seit Tagen trage ich den schon mit mir rum, weil ich nicht die innere Stärke besitze, mich in der chronisch überfüllten Postfiliale gleich bei mir um die Ecke anzustellen, wo Tag für Tag vier Schalterkräfte mit den 60.000 Südstadteinwohnern ringen.
Diesem Chaos wäre ich glücklich entronnen. Welch Fügung des Schicksals, diese kleine Postbankfiliale in dem Dorf hinter Erlangen! Ich betrete den Laden. Im Halbdunkel wartet ein behäbiger älterer Herr auf Kundschaft.
"Bitte diesen Scheck auf mein Konto", sage ich.
Jetzt wird alles gut. Jetzt soll die N-Ergie-Lastschrift ruhig über mein Konto herfallen – es ist gewappnet.
Der Ladeninhaber schiebt seine Brille auf die Stirn und begutachtet mit zusammengekniffenen Augen den Scheck von allen Seiten. Lang, bedenklich lang. Dann sieht er mich an.
"Wos isn des?"
"Ein Scheck. Also ein Verrechnungsscheck. Der müßte meinem Konto gutgeschrieben werden."
Der Mann ruft nach Beistand: "Helmut!" Von irgendwo aus dem Hintergrund erscheint sein Kompagnon. Zu zweit betrachten sie jetzt das Papier, von dem mein Überleben in den kommenden vierzehn Tagen abhängt. Dann fragt mich Helmut: "Und was solln eddser mir doo machen?"
Er bringt mich in Verlegenheit.
"Hm... ja... ich weiß auch nicht so genau... also irgendwie meinem Konto gutschreiben..."
Helmut bückt sich ächzend und zieht einen Aktenordner unter dem Ladentisch hervor. Offenbar ein Nachschlagewerk für Schalterkräfte. Schlägt ihn auf. Blättert, sucht. "S" wie Scheck. "G" wie Gutschrift. "V" wie Verrechnungsscheck. Aber das Kompendium enthält nichts, was auf meinen Fall zugeschnitten wäre. Gottseidank gibt es eine Hotline. Die wird jetzt mit vereinten Kräften angerufen. Der idyllische kleine Laden hat unterdessen Ähnlichkeit mit meiner Südstadtfiliale angenommen: Kundenrückstau bis auf die Straße. Ach, daß ich doch einfach nur Briefmarken hätte kaufen wollen!
Aus dem Telefonhörer quakt die Hotlinestimme. Die beiden Herren nicken gewichtig. "Ach so!" sagen sie mehrmals, und: "Aha!" Dann legen sie auf und sehen mich an wie Ärzte, die ihrem Patienten beibringen müssen, daß seine Krankheit unheilbar ist.
"Wir können hier gar keine Schecks annehmen", sagt der eine.
"Bloß an die Zentrale in München weiterleiten", sagt der andere.
"Dauert halt a weng länger. Aber in vier, fünf Tagen ham S‘ des Geld aufm Konto."
Merk, Bankräuber: Solltest jemals du eine ländliche Filiale überfallen, wird der Mann am Schalter zuerst auf deinen gezückten Revolver deuten und fragen: "Wos isn des?" Dann wird er im Ordner vergeblich unter "Ü" wie Überfall und "B" wie Bankraub nachschlagen. Und die Hotline wird ihm sagen: "Banküberfälle sind bei Ihnen nicht möglich. Schicken Sie den Mann nach München in die Zentrale!"
Nicht überall, wo Postbank draufsteht, ist auch Postbank drin.
Abendzeitung, 25.2.2009
Der Neujahrsempfang
Post von der Stadt Nürnberg! Vom OB persönlich! Fiebrig, voll kühner Erwartungen, reiße ich das Kuvert auf. "Lieber Herr Tannert", schreibt er mir vielleicht, "mit Vergnügen lese ich immer Ihre AZ-Kolumne. Ihre Bücher sind auch nicht schlecht. Das wollte ich Ihnen zum Jahreswechsel einmal sagen. Mit freundlichen Grüßen, Ihr Ulrich Maly."
Ach nein, es ist eine Einladungskarte. Zum Neujahrsempfang. Im – wo? "Im Saal Sydney des CCN Ost im Messezentrum." Wir haben ein CCN in Nürnberg? Was das wieder sein mag? Klingt wie ein Nachrichtensender. Naja, egal. Ich weiß eh nicht, ob ich da hingehen soll. In der Zeitung ist der Bericht vom Neujahrsempfang immer mit einem Foto von gewichtig dreinblickenden Damen und Herren aus dem mittelständischen Wirtschaftsleben garniert. Chefs von Niederlassungen in Südwestpark und Nordostpark, die auch in Krisenzeiten Villen in Erlenstegen oder Mögeldorf bewohnen, mit Haushälterin, au-pair-Mädchen und allem Drum und Dran, und man wird mit herabhängenden Mundwinkeln über die Herausforderung der bevorstehenden schweren Zeiten reden.
Da kann ich einiges beisteuern. Meine Briketts gehen zur Neige, meine Waschmaschine ist seit 4 Monaten kaputt. Aber ob das ein geeigneter Gesprächsstoff für diese Leute ist? Nein, ich werde nichts sagen, werde nur den Ansprachen über Finanzkrise und Globalisierung lauschen und die dabei aufkommenden Depressionen mit ein paar Gläsern Prosecco wegspülen.
Bleibt noch das Problem, was ziehe ich an? Die ernsten Herren auf den Fotos tragen alle dunklen Anzug und Krawatte. Mein grauer Anzug ist zu dünn für den Winter. Bleibt der Kordanzug. Wenn ich mich damit blicken lasse, hält mich jeder für einen windigen Literaten. Für so eine Art armen Poeten. Man hätte dem Spitzweg sein dämliches Kitschgemälde um die Ohren hauen sollen, und das nicht nur einmal.
Da fällt mir ein befreundeter Maler ein. Ich rufe ihn an. Ob er vielleicht zufällig auch eingeladen sei? Nein? Oder ob er in den letzten Jahren einmal eingeladen war und Bescheid weiß, wie man... Auch nicht. Nirgends Rückhalt. Naja, ich muß ja nicht hingehen. Zwingt mich ja keiner. Ich will nur nicht, daß der OB beleidigt ist. Der ist ja eigentlich ganz nett, und wer weiß, ob er nicht beim Zusammenstellen der Gästeliste zu seiner Sekretärin gesagt hat: "Daß Sie mir dieses Jahr nicht wieder den Tannert vergessen! Den wollte ich schon lang einmal dabeihaben" – und dann komm ich einfach nicht. Das kann ich nicht machen. Ob ich die Vorzimmerdame anrufe? "Tut mir leid, so ein Neujahrsempfang mit Ansprachen und Smalltalk hinterher liegt mir nicht so, aber ich kann ja mit dem Herrn Maly auch einfach so demnächst mal eins trinken gehen und über Krisen reden, ohne das affige Brimborium mit Anzug und Krawatte."
Nein, ich mach's anders. Manchmal verrennt man sich ja in ganz verkehrte Vorstellungen. Ich geb jetzt "Neujahrsempfang" + "Stadt Nürnberg" in Google ein. Dann werd ich ja sehen, ob – was ist das denn für ein Treffer? "www.sweetdevils.de"? "Die Sweet Devils werden einige ihrer sexy Shows beim Neujahrsempfang der Stadt Nürnberg zeigen. Am 14.1.2009 im CCN." – ?
Ich überleg's mir nochmal.
Abendzeitung, 7.1.2009
9. November, wir kommen!
In vier Tagen ist es wieder soweit. Natürlich weiß man vorher nie. Längst nicht in jedem Jahr ist der 9. November ein deutscher Schicksalstag gewesen wie, sagen wir, 1918: Novemberrevolution, 1923: Hitler-Ludendorff-Putsch, 1938: Reichspogromnacht, 1953: Die Eröffnung der ersten deutschen Fußgängerzone. Manchmal vergeht er auch ganz unauffällig mit Anti-Terror-Paket-Beschlüssen. Aber dieses Jahr könnte es richtig spannend werden. Immerhin gab es seit dem Mauerfall 1989 kein Schicksalsevent mehr. Da wäre wieder mal eins fällig. Und immerhin ist der Neunte ein Sonntag, da stehen die Chancen gut. Die meisten hätten Zeit für einen Umsturz. Wir brauchen nur die Kraft, uns an so einem trüben Novembersonntag dazu aufzuraffen. Aber Anlässe gäb’s genug! Bundeskristallnacht – die Banken brennen, das Volk holt sich seine Spargelder zurück! Aufstand gegen Online-Überwachung und Vorratsdatenspeicherung! Gegen biometrische Pässe! Die Einwohnermeldeämter werden gesprengt!
Oder, anderes Szenario: Eine Gruppe verzweifelter Zeitarbeitssklaven entführt Josef Ackermann und erpreßt vom Staat ein 100-Milliarden-Soforthilfepaket zur Bekämpfung der Armut.
Das geht gar nicht? Der Staat ist pleite? Natürlich geht das. Er leiht sich das Geld von den Banken, die vorher ein Rettungspaket vom Staat bekommen haben, das der Staat wiederum aus Bankkrediten finanziert hat, ganz einfach. Das funktioniert im Großen wie im Kleinen – weiß ich aus eigener Erfahrung. Wenn ich pleite bin, leih ich mir von Oleg, meinem Nachbarn aus der Ukraine, fünfzig Euro, und wenn er kein Geld hat, leiht er sich die fünfzig Euro einfach wieder von mir zurück. So geht das.
Sollte der Staat auf die Forderungen der Entführer nicht eingehen, kommt es zum Putsch. Gysi und Lafontaine rufen jeder eine Republik aus, wie Liebknecht und Scheidemann am 9. November 1918, und in 20 Jahren wird der 9.11.2008 als Datum der Zweiten Deutschen Novemberrevolution in den Abiturprüfungen abgefragt. Die Geschichte wiederholt sich ja bekanntlich.
Deshalb kann es in vier Tagen genausogut zum Mauerfall kommen. Sowas könnten wir in Nürnberg gut gebrauchen. Wir haben ja noch eine Mauer, und die muß weg, unbedingt. Dann kommt die gut eingemauerte Nürnberger Literatur, von deren Existenz weder draußen im Land, noch bis in allerhöchste städtische Stellen kaum etwas bekannt ist, endlich raus aus den Stadtmauern, und die, die sie schreiben, bekommen eine Chance, davon auch zu leben.
Neunter November, wir kommen!
Abendzeitung, 5.11.2008