Die Nymphen von der Stempfermühle

Über Nacht war der dunkle Bruder vom bunten Herbst gekommen, der die Farbenpracht von den Bäumen bläst und sie mit nassen, schmutzigen Füßen zertritt, der an langen Abenden heulend und pfeifend um die Häuser streicht und in den Kaminen singt.
„Großmutter, wem gehört die Stimme?“ fragte der Bub, der im Fieber lag.
„Schlaf ein!“ sagte die Großmutter, die an seinem Bett saß, „es ist nur der Wind. Er kommt doch jedes Jahr um diese Zeit.“
„Aber ich höre Stimmen im Wind. Hörst du sie nicht auch?“
Die Frau neigte den Kopf ein wenig und lauschte.
„Großmutter, hörst du die Stimmen nicht?“
Der Wind rüttelte an den Fensterläden, drückte gegen die Scheiben, fing sich brausend im Kamin, und in die Kammer drang eine Musik ohne Melodie, wehmütig und fremd.
„Sie singen wieder“, sagte die Alte. „Den Sommer beweinen sie, den lang vergangenen Sommer vor vielen Jahren...“
Der Bub war müde, ihm fielen die Augen zu, aber dann machte der Windgesang ihn unruhig, und er warf sich auf dem Kissen hin und her, riß die Augen auf und starrte an die Decke.
„Wer singt?“
„Die Nymphen von der Stempfermühle. Sie haben Sehnsucht nach dem Wasser. Aber sie dürfen niemals mehr zurück.“
„Wer ist das, die Nymphen?“ fragte der Bub, und dabei spürte er das Wort in seinem Mund wie eine Speise aus einem fernen Land.
„Das ist eine traurige Geschichte“, sagte die Großmutter und strich ihm über die heiße Stirn. „Du mußt wieder gesund werden, dann erzähle ich sie dir.“
Aber damit gab der Bub sich nicht zufrieden; unbedingt müsse er erfahren, wer da singt; nicht eher könne er einschlafen; die Stimmen griffen ihm so kühl ans Herz, wenn er die Augen schließe.
„Dann hör gut zu! Wasserfrauen sind es, Wassergeister. Sie leben unter der Erde im Reich der unsterblichen Nymphenkönigin. Dort verbringen sie ihre Tage damit, der Königin Lieder zu singen und Geschichten zu erzählen. Und wenn ihnen die Lieder und Geschichten ausgehen, kommen sie durch Quellen in unsere Welt. Dann sehen sie dem Treiben der Menschen zu, lauschen den Fröschen und Grillen, den Käuzen und den Fledermäusen, so fein sind ihre Ohren, und steigen wieder hinab ins Nymphenreich, mit neuen Liedern und neuen Geschichten für ihre Königin. Und zurück müssen sie! Für alle Nymphen gilt das Brunnengesetz, das besagt: Vor dem ersten Hahnenschrei müssen sie zurückkehren – oder sie sterben!“
Da heulte es laut im Kamin, dass der Bub von seinem Kissen hochfuhr und zum Fenster starrte, mit bleichem Gesicht und weit offenen Augen. Die Großmutter tränkte ein Taschentuch mit kaltem Wasser und legte es ihm auf die Stirn.
„Hab keine Angst! Die Geschichte ist lang, lang her. Als meine Großmutter geboren wurde, war sie schon lang geschehen! Du weißt die drei Quellen, drüben an der Stempfermühle? Dort kamen eines Abends drei Nymphen in die Menschenwelt. Es war ein besonderer Abend, denn der Herr von Gößweinstein ließ die Hochzeit seiner einzigen Tochter feiern, und die Musik, die vom Schloß herüberklang, lockte die Nymphen, die sich sonst nie weit von den Quellen wegbegeben. Sie gingen hinauf und mischten sich unter die fröhliche Gesellschaft, drei Mädchen in weißen Kleidern, wunderschön anzusehen, mit Kränzen, aus Schilfrohr geflochten, im langen blonden Haar. Niemandem kam es in den Sinn, die ungeladenen Gäste vom Schloss zu jagen, nein, sie wurden zum Tanz aufgefordert wie die adligen Fräulein. Und die drei konnten sich nicht losreißen; noch nie hatten sie bei den Menschen eine solche Pracht gesehen. So verging Stunde um Stunde, so verging die Nacht – bis der Morgen graute!“
Der Wind schleuderte eine Handvoll Regen ans Kammerfenster, die Öllampe warf ihm zuckende Schattenbilder entgegen, und aus dem Kamin erhob sich ein dreistimmiger Gesang, jeder Ton darin eine geweinte Perle.
...so hat deine Mutter gesungen als sie dich trug durch Wasser hörtest du ihre Stimme vom Vogel wirst du zum Fisch zum Mensch...
Der Bub schien in einen fiebrigen Halbschlaf gefallen, der ihm wirres Geflüster durch den Kopf trieb, als spüre er im Traum, was niemand ihm sagte.
„Da erklang der erste Hahnenschrei“, fuhr sie fort, „und die drei Nymphen erstarrten vor Schreck, mitten im Tanz! Sie rissen sich los von den Junkern, die sie im Arme hielten, und flohen aus dem Schloß, hinab zu den Quellen an der Stempfermühle. Einer aus der Hochzeitsgesellschaft rannte ihnen nach, sah, wie sie ins Wasser sprangen, untertauchten und verschwanden. Und das nächste, was er sah, war ein Strom von Blut, der aus dem Wasser aufstieg.“
...Blut floß als du geboren wurdest sie war dein Opfer vergoß ihr Blut für dich...
„Aber wenn sie tot sind, die Nymphen“, klar und wach war er wieder, wie von Angst vor lauernden Träumen erfüllt, „wie singen sie dann noch immer?“
„Wenn Nymphen sterben, werden sie zu Luftgeistern im Wind, die ihre Sehnsucht nach dem Wasser singen. Und jetzt mach deine Augen zu!“
Einige Tage später, wieder genesen, war er zum Abendbrot noch nicht vom Spiel mit seinen Kameraden zurück. Die wußten von nichts, nur ein Nachbar meinte, er habe den Buben flußaufwärts gehen sehen.
„Dann ist er zur Stempfermühle gegangen!“ rief seine Großmutter, „dort müßt ihr ihn suchen!“ Von den Nymphen habe sie ihm erzählt, als er im Fieber lag, von ihrem Gesang und vom Reich der Nymphenkönigin, „schnell! Ihr müßt ihm nach, zur Mühle!“
Aber sie fanden ihn erst am nächsten Tag, die Lippen blau vom wäßrigen Kuß einer Nymphe von der Stempfermühle.

aus: "Das Wütige Heer am Walberla. Sagen aus der Fränkischen Schweiz"





Schwarze Weihnacht

Am frühen Morgen des 24. Dezember klingelte es Sturm. Ich stand auf, öffnete das Fenster und sah auf die Straße hinunter. Vor dem Haus stand ein brikettbeladener Lastwagen und warf mit orangefarbenem Signallicht um sich, doch der Himmel blieb blaß. Von oben nach unten ist alles ferner als von unten nach oben. Ein Mann mit rußigem Gesicht blickte mir entgegen, trat die Haustür ein und schrie mich an: Wer saufen kann, der kann auch aufstehen! Ich bestelle Jahr für Jahr bei einem anderen Kohlenhändler, aber noch keiner hat seine Lieferung am Nachmittag gebracht. Schlaftrunken, unter dem Nachthemd nackt, stolperte ich die Treppen hinab, in der Hand meine letzten Ersparnisse. Ich hatte die zerrissenen Schnürsenkel durch filzstiftgeschwärzte Paketschnur ersetzt, ich hatte den Bleistift als Zahnbürste benutzt, ich hatte den Ofen wochenlang mit verschimmeltem Brot beheizt. Der Kohlenhändler trug seine Fracht Bündel für Bündel in den Keller. Wir verachteten einander. Du lebst von der Kälte und vom Tod, sagte ich und gab ihm das Geld, in jedem schwarzen Quader stecken  die Leichname von Sauriern, Farnen und Archaeopteryxen.

Postcardstory, ars vivendi




Auf brennender Bühne

Holt den Bader, daß er mir mit seinem Messer die falschen Rollen von der Haut schabt! Stopft mir eure Fackeln ins Herz und zündet die Bretter an, ich will mich wärmen! Die Sonne steht in Splittern am Himmel, Wölfe streichen um die Schlösser, schwarze Skorpione kriechen rückwärts und nisten sich in Seelen ein. Oben im Schloß können sie sich in den Spiegeln nicht mehr erkennen und atmen schweres Parfum, das ihnen die Angst nehmen soll. Habe ich nicht gesagt, daß Spiegel durchsichtig werden in den Tagen, wo Sekunden und Äonen gleich wiegen, wo die Verfluchten sich selbst als Schlafende sehen müssen? Hier ist meine Wildnis, dort eure Siedlung, hier mein Traum, dort eure Zeit. Löst mir die Rollen ab und heftet sie euren Botschaften an, streut schwarzes Salz in meine Wunden! Das Fleisch lügt, daß sich die Bretter biegen, die Wahrheit steckt mir noch immer zu tief in den Knochen. Und wenn ihr wieder ausholt mit der Axt, gebt acht auf den Himmel, er ist zu nah.

aus: "Fürth, eine weibliche Stadt". Kalender mit Doris Baum, 2007