Ein Interview von Dorothea Unterkircher für die Schriftliche Hausarbeit zur Ersten Staatsprüfung "Der Stadtvermesser. Eine Betrachtung der subversiven Aspekte im Roman unter Berücksichtigung Bachtinscher Theoreme", geführt am 9. August 2001.

Was wird aus der Figur „Stadtvermesser“ im Roman?

Indirekt kommt raus, daß sich der Stadtvermesser in eine Steinfigur verwandelt. Irgendwo endet er schon in einer Sackgasse. Ich glaube, da steckt etwas dahinter, was auch mich betroffen hat. In der Tankstellennachtschicht fühlte ich mich auch, als wäre ich in einer Sackgasse. Im Schluß steckt drin, daß es keine Entwicklung mehr für den Stadtvermesser gibt. Er flieht, bevor er eine Steinfigur wird.

Die Flucht löst auch nichts. Ich glaube, daß in meinem Charakter die Flucht auch verankert ist, und ich den Stadtvermesser deshalb hab‘ fliehen lassen, denn es gibt keine andere Möglichkeit mehr. Er kann denen nichts klarmachen, er kann auch kein Stadtvermesser bleiben, obwohl er das gar nicht als Beruf ist, aber er hat auch keinen Namen und so gibt’s keine Lösung für ihn.

Gibt es für den Stadtvermesser einen Ort, an dem er sein kann?

Das frage ich mich auch. Im Buch ist es für ihn aussichtslos. Da stoßen wir auf eine Lücke im Buch, dort gibt es keine andere Möglichkeit.

Gehen ist ein zentrales Thema im Roman, was bedeutet für dich Gehen?

Wenn ich jetzt mit dem Postauto unterwegs bin, so zwischen der Geissee- und der Schweinauer Hauptstraße, diese Ecke, dann fällt mir immer an der Stelle ein, daß ich im Alter von acht oder neun Jahren oft durch die Stadt gelaufen bin, und oft ziemlich weit. Einmal kam ich raus bis zum Südfriedhof und dann über die Bauernfeindstraße, das sind bestimmt über zehn Kilometer insgesamt, und bin erst am Abend wieder heimgekommen, und ich kann mich erinnern, daß ich ein paar Mal einfach so rumgelaufen bin, kreuz und quer in der Stadt rum. Ich weiß heute gar nicht mehr, warum ich das gemacht habe...kindlicher Hang, sich der Stadt auszusetzen und völlig orientierungslos zu sein und sich da heimatlos zu fühlen...ich habe auch keine guten Gefühle dabei, weil ich genau weiß, daß ich mich da sehr heimatlos gefühlt habe, bei solchen Stadtrundgängen.

Nürnberg ist also keine Heimat für dich?

Doch, das schon. Aber einfach das Gefühl, daß du herumläufst, weißt gar nicht genau, wo du bist, gehst Straßen, wo du noch nie warst, dann ist Nürnberg keine Heimat. Jetzt dagegen ist Nürnberg schon eine Heimat.

Mir ist sowieso schon einmal aufgefallen, daß zentral die Füße und die Augen im Stadtvermesser vorkommen. Aber da stoßen wir auf etwas, das ich gar nicht so bedacht hatte. Mir ist nur einmal aufgefallen: Im Märchen geht es sehr oft um Defizite der Beine und Augen. Es gibt oft Blinde oder Lahme oder Hinkende. Es gibt ein russisches Märchen, in dem beide Figuren vorkommen, „Der beinlose und der blinde Held“. Das sind zwei Helden, die in Verstrickungen geraten, wobei dem einen die Augen ausgestochen werden und dem anderen die Beine unterhalb der Knie abgetrennt werden. Die beiden werden dann auch voneinander getrennt, finden sich aber später wieder und dann nimmt der Blinde den anderen auf die Schultern und der Beinlose sagt ihm, wo er hinmuß. Und so sind sie dann ein Held, finden auch später das Lebenswasser und werden wieder gesund. Für mich ist es bemerkenswert, daß es auch im Märchen oft um diese Körperfunktionen geht. Es geht weniger oft um Taube; aber die Kombination blind und beinlos habe ich im Märchen schon öfter getroffen. (...)

Wenn ich in Gedanken festhänge, muß ich auch spazierengehen, muß auch rumgehen, um wieder frisch nachdenken zu können. Ich bin auch immer gern viel gegangen, also so lange ich diese Postarbeit noch nicht hatte. Erst seit ich bei der Post bin, gehe ich in der Freizeit weniger, weil ich sowieso die ganze Zeit gehe. Ich merke auch immer wieder, wenn ich postalisch unterwegs bin, kann ich schon gut nachdenken. Ich brauch‘ schon etwas um mich, was sich nach Möglichkeit auch verändert, damit bei mir das Denken in Gang kommt.

Das Denken ist auch in diesem ortelosen Nürnberg noch möglich?

Naja, mir ist bisher nur nicht eingefallen, wo ich anders hingehen könnte.

Was liegt der Flucht des Stadtvermessers zugrunde, ist es die Flucht vor der Stadt, oder vor der eigenen Unerträglichkeit?

Eher eine Flucht vor den Menschen. Weil er diesen Menschen nichts klar machen kann. Das sind Dinge, die ich auch erlebe. Wenn ich oft in fremden Milieus war, wurde mir bewußt, zum Beispiel in der Tankstelle, daß ich dort niemals sagen kann, was ich alles denke, weil dann jeder denkt, daß ich verrückt bin. Der Stadtvermesser flieht, weil er sich in einer feindlichen Umgebung fühlt. Es geht um den Gegensatz zwischen Offiziellem und Nichtoffiziellem, also Bürgermeister und Stadträte auf der einen und Stadtvermesser auf der anderen Seite. Die Offiziellen vertreten die ganz normale Denkhaltung und er ist da der einzige, der ganz anders denkt. Er kann sich nicht widersetzen, weil er weiß, daß das, was er mißt und daher denkt, in der heutigen Welt keinen Menschen mehr verändern kann.

Messen und Denken gehören also zusammen?

Ja, weil das Messen – naja, das Messen ist ja wieder kein Messen, weil er mit den Füßen mißt – das Messen ist eigentlich was Wissenschaftliches, mit Instrumenten. Da wird der Stadtvermesser wieder absurd gemacht, weil er in diesem Sinne ja wieder nicht mißt, weil es eben keine Geräte gibt und nichts Wissenschaftliches, weil er sich selber als Mensch als Maßeinheit und als Instrument hernimmt. Und dann geht das Messen schon wieder mit dem Denken zusammen. Das Messen ist dann doch eher das Wahrnehmen und Empfinden von etwas. Weil er ohnehin sich mit etwas befaßt, für was es keine Meßinstrumente gibt – für das, was er meint wahrzunehmen.

Warum wollen die Stadträte die „Verödung der Stadt“ messen lassen?

Das war eher etwas, was ich selbst empfinde, und was auch auf Lokalseiten der Zeitung oft angesprochen wird. Wo es dann heißt „Verödung der Innenstadt“. Also merken die Offiziellen schon auch, daß etwas nicht stimmt, daß sich etwas fast unmerklich in der Atmosphäre der Stadt verändert, und deshalb der Begriff „Verödung“. Das war für mich ein gemeinsamer Nenner, und ich dachte, wenn der Begriff auch von offizieller Seite so gebraucht wird, kann ich ihn für mich nutzen. Obwohl die Räte sicherlich etwas anderes erwartet hätten als das, was der Stadtvermesser sagt.

Woher stammt die „Trichteridee“?

Das ist ein Bild, das irgendwo da war. Das Buch hat mit dem Bewußtsein über das Kleine in Nürnberg angefangen: Die kleine Spielzeugeisenbahn und die kleinen Bratwürste und so. Das ist sowieso ein ganz guter Ausgangspunkt, wenn man Dinge hernimmt, die fast schon wieder lächerlich wirken. Aber in Belanglosem und Lächerlichem steckt ja ziemlich viel. Das mit dem Trichter kam nebenbei: der Spruch mit dem Nürnberger Trichter und so, Harsdörffer... das war ganz plötzlich da. Das war damals noch während der Tankstellenzeit. Immer dann, wenn ich mich frei fühlen wollte, bin ich zum Marienberg rausgegangen, wo die freie Wiese ist, und wenn ich dann wieder zurück in die Südstadt bin, merkte ich, daß da etwas ist, was mich nicht so frei fühlen läßt. Daher hab‘ ich das als Bild in das Buch gebracht. Nicht topographisch beschreibend, sondern als Gefühlsbeschreibung. Daß sich eben in Nürnberg etwas trichterförmig verengt. Und es kam auch noch etwas Gaghaftes dazu, die Vorstellung, daß der Flughafen im Norden sich nach oben hin öffnet und dort, wo unten ist, das Wasser, da ist dann der Hafen. Da vermischen sich viele Bilder mit dem einen Gedanken, so als ob es irgendwie stimmen würde.

Welche Gefühle hast du zu dem Untergrund?

Mich stört, daß man das menschliche Leben in den Untergrund verlagert. Das ist ja gerade so, als ob das normale Leben unter die Erde verdrängt wird. Jedesmal, wenn ich als Fußgänger durch eine Fußgängerunterführung gehen soll, weil ich unter den Autos durch muß, komme ich mir entwürdigt vor.

Die Ingenieurs-Unterführung?

(Die Frage bezieht sich auf die im Roman beschriebene Unterführung zwischen dem Haus des Ingenieurs Wauschkuhn und dessen Schwiegermutter im Kapitel „Traum“)

(Lachen) Ja, das muß es in der Realität geben, das hat mir jemand erzählt. Das war auch so eine nächtliche Tankstellengeschichte. Auf jeden Fall hat mir jemand unter Gelächter erzählt, daß er von jemandem weiß, der sich zwischen seinem und dem Haus der Mutter oder so, einen Tunnel gebaut hat (Lachen). Ja, und das kam mir wie gerufen für die Geschichte.

Die Natur taucht im Roman nicht auf.

Naja, beim Schreiben geht’s ja eh drum, wo die Probleme sind. Mit Natur habe ich keine Probleme, also brauche ich sie nicht vorkommen lassen.

Als Kontrast habe ich eher Nürnberg vor dem Zweiten Weltkrieg im Kopf. Ich schau‘ mir oft Bildbände über diese Zeit an. Da denke ich oft, das war ja eigentlich doch mal sehr schön. Also Ecken, wo man’s heute keine zehn Minuten aushält, das waren mal richtig schöne Plätze. Es geht darum, wie die Stadt noch sein könnte. Ja, die könnte besser sein als so, wie sie jetzt ist.

An dieser Zerstörung ist ausschließlich der Nationalsozialismus schuld?

Naja, das muß ich teilweise revidieren. Da gibt’s schon Dinge, die wußte ich da noch gar nicht. Zum Beispiel die Trasse vom Frankenschnellweg haben wir dem Hermann Jansen zu verdanken, der in den Zwanziger Jahren Bauingenieur von Nürnberg war, und er hat damals schon eine Trasse für eine Stadtautobahn festgelegt, und daraus wurde dann eben der Frankenschnellweg, aber der Plan war eben dann in den Sechziger Jahren schon vierzig Jahre alt. Es gibt also durchaus auch jetzt Folgen von Dingen, die schon vor dem Dritten Reich waren.

Aber ich steh‘ schon noch zu der Aussage, daß wenn eben nicht die zerstörten Teile wieder aufgebaut worden wären, wären eben nicht so viele Dinge, die vorher da waren, verunstaltet worden. Zum Beispiel in Mögeldorf, wo diese breite Straße quer durch den ehemaligen Stadtkern gezogen wurde, was ohne die vorherige Zerstörung nicht passiert wäre.

Was bedeutet Schreiben für dich?

Meistens will ich – also ich bewerte etwas im Denken so oder so, und ich bin sicher, daß ich auch recht habe, und merke auch genau, daß außer mir die meisten nicht so denken – dann will ich, indem ich schreibe, überprüfen, ob ich selber recht habe, indem ich gezwungen bin, das auszuformulieren. Ich denke, das ist ein Kriterium, wenn ich irgendwas so formulieren kann, daß es Hand und Fuß hat und verständlich ist. Und das andere ist, daß ich dann mir selber Klarheit verschaffen will über das, was in mir vorgeht. Wenn ich etwas so formulieren kann, daß jemand, der das liest, das so denken kann – also wenn er will – wie ich mir das gedacht habe.

Der Roman „Der Stadtvermesser“ klingt wie eine einzige Nörgelei.

Ja. Es gibt ja auch genug Anlaß dafür, oder?

Ist der Anlaß zum Schreiben also auch, Mißmut loszuwerden?

Ja, schon. Manchmal ist es Wut. Zum Beispiel denke ich mir manchmal, wenn oft darüber geredet wird, daß man alles mögliche behindertengerecht und behindertenfreundlich machen soll und manchmal, wenn ich mich so umschau, denke ich, eigentlich ist ja die ganze Welt schon für Behinderte eingerichtet.

(Lachen)

Auf dem Land draußen gibt es ein Hörnlein-Einkaufszentrum in Oberferrieden, und da sind Schließfächer für die Kunden. Da ist eine Reihe mit kleinen Schließfächern, und auf jedem steht drauf: Klein, klein, klein. Und dann ist eine Reihe mit großen Schließfächern, und auf jedem steht drauf Groß, groß, groß, und dann gibt’s daneben eine Bank, und auf der Bank steht „Ruhebank‘“. Da denke ich, das ist ja wirklich alles für Volltrottel gemacht.

Oder Autos. Es gibt jetzt neue Zustellautos bei der Post mit Rückwärtssensoren. Wenn man eineinhalb Meter von einem Hindernis entfernt ist, dann piepts und dann blinkts und dann piepts so und dann piepts nochmal anders, ständig piept das Auto. Das ist eigentlich auch für Trottel, die nicht autofahren können. Das macht mich bloß nervös, wenn dauernd irgendwas piept.

Und dann gibt es auch Sachen, da kommen so plötzliche Angstimpulse, zum Beispiel habe ich schon in einer früheren Geschichte die Satellitenschüsseln untergebracht. Das war mal ein blitzartiger Gedanke, als ich eine Satellitenantenne gesehen hatte. Da wurde mir klar, was passiert, wenn Bilder vom Himmel geschickt werden. Das ist wie eine Neurose. Das sind Vorgänge ohne Inhalt. Neurotisches Verhalten ist ein Verhalten, das eine Funktion ist, die auf keinen Inhalt reagiert, eine Neurose. Da dachte ich, das ist ein höchst neurotischer Vorgang, daß sich alle Menschen Bilder vom Himmel kommen lassen. Es hält ja keiner mehr was von Religion, aber man kann wohl doch nicht leugnen, daß die Seele ein Bedürfnis hat nach Bildern vom Himmel. Und dieses Bedürfnis wird jetzt wirklich als Neurose ausgelebt, indem jeder so eine Satellitenantenne hat und sich tatsächlich funktionale, also technisch gesandte, Satellitenbilder, Fernsehbilder vom Himmel kommen läßt, als ersatzreligiösen Vorgang eigentlich. Und ich hab‘ dann wirklich mal Angst gekriegt, das war beim Zustellen, da hatte jemand so eine Antenne direkt neben seiner Haustür vom Einfamilienhaus – weil oft sieht man die eigentlich gar nicht so – und dann werfe ich einen Blick auf die Antenne, und da lese ich im ersten Moment „Satan“, und da denke ich: „Wahnsinn, da steht ja ‚Satan‘ drauf! – dieses „Sat-An“, „Satelliten-Antenne“, oder wie das heißen soll. Und dann denke ich, das ist verrückt, auf so einem Gerät, das eine verdrängte Religiosität vermittelt, steht auch noch „Satan“ drauf. Das hat mich schon sehr beeindruckt, und ich hab dann wirklich – also das hat ein paar Sekunden gedauert – ich bin wahnsinnig erschrocken, und ich hab dann wirklich Angst bekommen. Dann dachte ich auch, das Böse kann es sich wirklich leisten, seinen Namen auch noch offen zu nennen, weil kein Mensch das jemals ernst nehmen würde, also das, was ich jetzt gerade sagte. Und deswegen kann ja wirklich der Teufel selber auf seinen Satellitenantennen unterschreiben, weil das kein Mensch ernst nehmen würde, und ich bin sicher, daß ich da recht habe. Und daß das eben auch wieder etwas ist, was ich unterbringe [im Schreiben], und weil das etwas ist, was man nicht... Die Leute, die sich auf Holzkisten in der Fußgängerzone stellen und predigen – ist halt auch blöd. Also so was interessiert mich nicht, sondern ich will, daß dann irgendwo in einer Geschichte oder in einem Roman... Das klingt jetzt so, als wäre alles bei mir aus Splittern zusammengesetzt. Es gibt aber schon auch Konzepte natürlich. Aber ich leb‘ schon auch von diesen Splittern, die lauern da halt so noch im Kopf, ungefähr so ein Dutzend Splitter vielleicht, die ich noch nicht unterbringen konnte, und irgendwann ist dann eine Stelle da, wo ich genau weiß: Aha, da muß jetzt dieser Splitter hin, und da paßt’s auch so richtig, daß dann jemand zumindest – der das liest – die Möglichkeit einräumen könnte, daß es auch wahr sein könnte, was ich da schreibe, also zum Beispiel wenn’s um den Satan und die Antenne geht.

Beklagst du die Gottlosigkeit?

Was heißt beklagen – ich stell’s halt einfach fest. Und ich finde, man wird – also ich weiß nicht, ob ich das Thema nicht auch suche, aber man wird schon immer draufgestoßen, zum Beispiel, das habe ich mir in den Kalender reingeschrieben, ich weiß bloß den Anlaß nimmer, ich glaube, das war im Januar, da ist dann auch, ja, ich glaube, das war bei dem Mord an einem zehnjährigen Mädchen oder so. Oder bei dem Familienselbstmord – ich weiß nicht mehr genau. Auf jeden Fall hat „Bild“ da ganz groß getitelt: „Wo war Gott?“ (Lachen).

Ja gut, das war halt jetzt „Bild“, aber es ist doch oft so, daß so dahingesagt wird: „Es gibt da einen Krieg und dort und... wenn’s einen Gott gibt, dann könnt‘ der doch was machen!“ Das ist ja eigentlich ein kompletter Krampf, weil...

Aber deshalb stößt man halt da drauf, weil ich glaube, die Leute fragen schon noch danach. Die leugnen es zwar einerseits und sie fragen dann aber auf eine völlig verkehrte Weise, weil ich denke, das wäre doch blöd, wenn jetzt Gott hier anfangen wollte, rummanipulieren zu wollen und sich noch denen gegenüber beweisen wollte, die mit den Satellitenantennen sowieso die Engel vom Himmel verjagt haben.

Ich hab‘ mir mal bei diesen Handy-Melodien gedacht, wenn ein Handy klingelt... seit einigen Jahren gibt’s ja da von Bach die „Toccata D-moll“ und die Mozart-Symphonie in G-moll, „titadam titadam titadam-tii – titadam...“ und so weiter, und da kamen mir dann so Vergleiche, wenn Bach oder Mozart jetzt noch leben würden, dann hätten die im Prinzip auch keine Möglichkeit, zu verhindern, daß ihre Kompositionen so am Handy abgedudelt werden. Da denke ich, in dem Moment, da etwas erschaffen wird, da ist es von dem Erschaffenden abgespalten. Der kann dann nimmer eingreifen. Also Mozart komponiert das „Rondo alla turca“, und dann ist es fertig, und dann hat er keine Macht mehr darüber. Dann muß er hinnehmen, daß es ein Klavierspieler falsch spielt, und daß ein Handy das runterdudelt und so weiter, weil in dem Moment ist dann das Erschaffene außerhalb – oder umgekehrt, wenn jetzt einer verlangen würde, daß Gott bei uns eingreife – ich wüßte gar nicht, wie das sein sollte – aber das wäre genauso, wie wenn man verlangen würde, daß der Mozart vielleicht eben noch mal seine G-moll-Symphonie überarbeitet. Also ist ja wurscht, daß er jetzt tot ist, aber sinngemäß halt.

Ich denke, wenn man die Welt als etwas Erschaffenes betrachtet, dann ist es klar, daß sie von dem Schöpfer abgespalten ist. Da läßt sich nichts mehr dran ändern, auf der Welt, so wie sie ist. Aber ich glaube, da ist ein Mißverständnis, weil es gibt ja nicht bloß die Welt, also die konkrete sichtbare Welt, es gibt ja eh noch eine andere. Aber wir verleugnen die ja selber, also daß es den Himmel gibt, also nicht nur den realen Himmel sondern einen anderen Himmel und so weiter, das leugnen wir ja selber, also die Existenz von dem, was es noch gibt oder geben könnte. Und dann wollen wir, daß in dem kleinen Bereich, den wir kennen, daß da jetzt irgendwie ein Gott, wie wir uns das vorstellen, eingreifen soll, und das ist ja ziemlich – ja eigentlich lächerlich. Man stößt schon oft auf so eine Pseudoreligiosität, wo dann die Religion mit diesem aufgeklärten – Zynismus dann schon wieder – gemessen wird. Deswegen verteidige ich ganz gerne ein religiöses Empfinden.

Welche neuen Zeichen wollen die drei Könige vermessen?

Die Szene spielt sich ja eigentlich kurz nach dem Krieg ab. Da gab es ja noch keine Zeichen, also, wenn du Nachkriegsfotos anschaust, da war ja alles, sozusagen, zeichenfrei. Im Grunde habe ich da versucht, einen visuellen Eindruck umzusetzen, den ich jedesmal und sofort habe, wenn ich alte Fotos sehe, weil es fällt ja sofort auf, die ganze Verschandelung, jetzt einfach bloß von dem Straßenbild, die hat es noch nicht gegeben. Da waren Häuser, und es waren Leute da und ein paar Fuhrwerke, und sonst war nichts da, und es stand an einem Laden dran „Franz Huber Regenschirme“, oder „Georg Müller Fuhrgeschäft“, und das war alles. Und jetzt ist alles zugepflastert, da ist der „obi“ und da die „BP“ und da der „Burger King“, und alles leuchtet dann nachts, das ist im Grunde – also für mich jetzt – kein normales Straßenbild. Da sind wir schon wieder da, wo ich sagte, die Welt ist eigentlich schon für Behinderte eingerichtet. Weil ständig muß einem ja gesagt werden, was man machen muß. Man könnte über Nacht alle Straßenmarkierungen wegradieren, dann könnten bestimmte Leute schon gar nicht mehr Auto fahren, weil nichts mehr da ist, woran sie sich orientieren können. Die Leute müssen immer mehr geführt und kanalisiert und eingeschränkt werden, und dauend ist irgendein Schild da, das dir sagt „da geht’s dahin, dort geht’s dorthin“, weil sich keiner mehr auskennt und alle immer ortloser sind.

Vielleicht hat’s auch was mit den visuellen Eindrücken zu tun. Also in den dreißiger Jahren, wenn da Zeichen da waren, dann waren es die Hakenkreuze, also die einzigen Zeichen waren die Hakenkreuzfahnen. Also das waren die Zeichen, die zehn Jahre lang im Straßenbild waren, vorher gab es keine und nach dem Krieg war auch erst mal Ruhe, und dann kamen die ganzen Reklamezeichen, die Markenzeichen, die für mich insofern etwas damit zu tun haben, daß die Konzerne diktatorische Strukturen haben.

Dorothea Unterkircher

Elmar Tannert