Presse
Gift gegen die Normalität
Nacke/Tannert haben mit "Rache, Engel!" einen fränkischen Gegen-Krimi geschaffenMit "diesen sonnigen Julitagen, die sich so mühelos bei allen beliebt machen können" hat diese Geschichte mit dem auflösenden Titel "Rache, Engel!" nichts zu tun. Ein winterkaltes Grundfrusteln und -frösteln durchzieht die Zeilen und Fugen dieses Weg- und Daseinskampfes, unterm "Bleiplatten-Himmel", im Niemandsland von Heilsarmee, Metzger-Bedarf und Müllverbrennung. Elmar Tannert, der preisgekrönte "Stadtvermesser" mit Hang zum Fatalismus, hat mit Petra Nacke einen Kriminalroman geschrieben, in dem sich Nürnberg weiter kriminelle Energie von Welt herbeiträumt ("Die Mörder sind unter uns" heißt der erfolgreiche Lockruf des ars vivendi Verlags) und in dem die Sprachkraft einfach nicht totzukriegen ist.
Normal, was ist schon normal? "Die Normalität ist eine gepflasterte Straße; man kann gut auf ihr gehen - doch es wachsen keine Blumen auf ihr", muss Buchhändler Ymdert Leupold immer wieder die Urheberschaft van Goghs erklären, nachdem Spaßguerillas mit dem Spruch eine Schaufensterpuppe dekorierten, die kopfunter an der Bahnbrücke baumelte. Aber hing da nicht auch ein Mensch? Ver-rückt ist das, was Nacke und Tannert anpeilen, denn es geht ja um "die Magie, die entsteht, wenn man aufhört, in der Realität zu denken". Also liest man, was Krähen von Einbahnstraßen halten und wie Fliegen Tango tanzen. Denn: "Herumspinnen ist sowieso eine der besten menschlichen Tätigkeiten überhaupt."
Ein Labyrinth tut sich auf in "Rache, Engel!", auf dem giftiger Eisenhut wächst. Schließlich geht es um Giftmord, um Ohnmacht und Verzweiflung, und einen Autounfall, der ein Paar an der Stadtautobahn im Jahr des ersten Bardentreffens aus der Lebensbahn schleudert und späte Rachegelüste weckt. Eine tote Frau, die frühmorgens im gepunkteten Sommerfummel kurzfristig an einem Fleischerhaken an der Eisenbahnbrücke hängt, ist das Ergebnis, das wie vieles andere inmitten von Alkohol und Nikotin vernebelt wahrgenommen wird. Was die Augenzeugen - Klamotten-Designerin Paula aus Gostenhof und Autoschrauber Gregor aus der Südstadt - zum freigeistreichen Detektiv-Duo macht.
Die Teamworker Nacke/Tannert, die in der Gesellschaft von Fruttero & Lucentini und Kobr & Klüpfel Eigensinnlichkeit verraten, lassen ihre um Balance ringenden Figuren über einen Erzählfluß voller Gedankenstriche, existenzialistischer Klammern und kursiver Einschübe treiben. Und drehen auf der Krimi-Normalität Phantasie-Pirouetten, die herausfordern. Das schweift als Irrlichtspiel, findet aber zielsicher zur Bannkraft im "fränkischen Sog". Gemäß dem "homöopathischen Grundsatz, daß Schwärze nur mit Schwärze geheilt werden kann".
Abendzeitung, 8.12.2008
Eine Leiche, die plötzlich keine mehr ist
In "Rache, Engel!" erzählt das Nürnberger Autorenduo Petra Nacke und Elmar Tannert eine Kriminalgeschichte auf höchstem literarischen NiveauGerade hing da noch eine Leiche, da ist sich Paula ganz sicher. Nur eine, vielleicht zwei Minuten kann das her gewesen sein, daß sie in die Augen einer toten Frau gestarrt hat, die da kopfüber von der Brücke über die Schwabacher Straße gehangen hat. "Verdammt, da hängt doch ein Mensch", hat Paula ihre Freundin Karin angeschrieen, hat sie gezwungen im Schneegestöber anzuhalten, obwohl Karin nichts gesehen hatte, ist durch die Brücke hindurch zurückgelaufen, um sich zu versichern, daß sie Recht hat. Aber, wenn sie jetzt nach oben schaut, dann sieht Paula keine Leiche mehr. Alles was da baumelt ist eine Schaufensterpuppe, die so gar keine Ähnlichkeit mit einem echten Menschen hat. Und die, da ist sich Paula auch ganz sicher, war vorhin noch nicht da.
Auf der anderen Straßenseite steht noch jemand, der da ganz ungläubig zum Brückengeländer nach oben schaut. Gregor hat die Leiche auch gesehen. Auch er ist sich ganz sicher, daß die Schaufensterpuppe vorhin nicht da war, als er mit seinem alten Citroën unter der Brücke in Gostenhof hindurchgefahren ist.
Und so stehen sie beide da – Gregor und Paula – und spähen nach oben. Beide würden beschwören, daß da gerade noch eine Leiche gewesen ist. Denn so falsch kann man nicht sehen, daß man eine Puppe für einen Menschen hält. Selbst dann nicht, wenn man wie Gregor einen über den Durst getrunken hat, oder wie Paula angetrunken und total verzweifelt ist, weil die langjährige Beziehung gerade in die Brüche gegangen ist. Jetzt schauen sie sich über die drei Fahrspuren hinweg an, aber fragen, ob der andere da auch gerade einen Menschen hängen gesehen hat, das traut sich keiner von beiden. Und so gehen beide ihren Weg nach Hause und wissen nicht, daß das Schicksal – und natürlich diese komische Geschichte mit der Frauenleiche – sie bald schon wieder zusammenführen wird.
Oben am Bahndamm stolpert Harri gerade durch den Schnee Richtung Kleingartenkolonie. Eigentlich hätte er da nicht hin gesollt mit der Leiche auf dem Rücken. Nein, die Leiche sollte er eigentlich in die andere Richtung abtransportieren, aber da wäre ihm jemand in die Quere gekommen, da hat er ein Auto kommen gesehen. Und darum versteckt er die Leiche jetzt in seinem Schuppen und erträgt es nicht, wie sie ihn anstarrt mit ihren toten, weit aufgerissenen Augen. Er erträgt schon den Gedanken an diesen Anblick nicht, will die Leiche loswerden – und zwar schnell.
So entspinnt sich im Kriminalroman "Rache, Engel!" eine fesselnde und amüsante Geschichte, in der sich die Wege einer Handvoll skurriler Persönlichkeiten – wie zufällig – so oft kreuzen, bis der Fall schließlich gelöst ist. Im Zentrum stehen dabei Paula und Gregor, die sich auf eigene Faust in Ermittlungen stürzen, weil sich ihre Geschichte für die Polizei viel zu unglaubwürdig anhört. Beide sind sich sicher, daß ein Verbrechen geschehen ist, und machen sich als Hobbydetektive auf die Suche nach dem oder den Mördern – und natürlich der Leiche.
Der Leser ist den beiden Freizeitermittlern dabei ein Stückchen voraus. Der weiß von Anfang an immer genau, wo sich die Leiche gerade befindet. Aber: Wo die Leiche herkommt, wie der gutmütige, leicht dümmliche Harri, dem man vom ersten Moment an keinen kaltblütigen Mord auf eigene Faust zutraut, in ihren Besitz gekommen ist und warum die Frau eigentlich sterben mußte, das entfaltet sich dem Leser nur nach und nach.
Um dabei auch dem Leser einen Eindruck dessen zu vermitteln, wie nur zufällige Begegnungen und Kreuzungen und das Zusammenwirken verschiedener Menschen dazu führen können, daß der Mordfall letztendlich aufgeklärt werden kann, erzählen die beiden Nürnberger Autoren Petra Nacke und Elmar Tannert ihre Kriminalgeschichte aus ganz verschiedenen Perspektiven. Paula, Gregor, Harri, Kommissar Gloßner, Gerichtsmediziner Häckel – sie alle und noch einige Figuren mehr lassen den Leser an ihren Beobachtungen und Gedanken teilhaben. So wird der Leser schnell hineingezogen in die Geschichte, wird selbst zum Ermittler, der die einzelnen Bruchstücke der Erzählung kombinieren und im Laufe der Geschichte immer wieder seine eigenen Schlußfolgerungen ziehen kann. Dieses stetige "Mit-Ermitteln" führt dazu, daß man als Leser gefesselt wird und "Rache, Engel!" gar nicht mehr aus der Hand legen möchte.
Daß die beiden Autoren nicht als literarische Laien an das Projekt Krimi herangegangen sind, merkt man der sprachlich gewandten und in vielen Passagen geradezu poetisch erzählten Geschichte ab der ersten Seite an. Petra Nacke lebt seit vielen Jahren in Nürnberg und arbeitet unter anderem als freie Autorin, Sängerin und Rezitatorin. 2002 hat sie zusammen mit dem Ensemble Feinton den Kulturförderpreis der Stadt Nürnberg erhalten. Elmar Tannert hat schon mehrere Prosabände veröffentlicht und ist mit mehreren Kulturförderpreisen ausgezeichnet worden. Petra Nacke und Elmar Tannert ist mit "Rache, Engel!" wirklich ein beeindruckendes Romandebüt gelungen.
Stefanie Heumann, Regiopress Nr.146, 12/2008
Kunst. Kultur. Szene. Linz
05/2008
Die ohnmächtigen Fürsten des Postzustellbezirks
Vor der Zeit des schriftstellerischen Erfolgs hat der 1964 geborene Nürnberger Elmar Tannert sein täglich Brot als Paketbote verdient. Im Bauch der Stadt unterwegs, tauschte er seine Sendungen gegen den Rohstoff für einen grandiosen Roman, der weit tiefere Einblicke in den Ist-Zustand einer an Konsumsucht erkrankten Gesellschaft erlaubt als manch wissenschaftliche Schreibtischstudie. Weil alle Besteller, Versender und Überbringer dem nie versiegenden Strom überflüssiger Waren und Kataloge hilflos ausgeliefert sind, hat Tannert ordentlich auf den Putz. Schließlich sollen sich nicht noch mehr brave Bürger am Versandhandel infizieren. Eitel und selbstironisch nennen sich die Paketboten Fürsten. Mehr noch als die Zustellung von Nachnahmesendungen steht die Aufrechterhaltung der seelischen Existenzfähigkeit der Empfänger im Zentrum ihres Tagwerks. Das macht den Job doppelt anstrengend.
Eine Handlung im klassischen Sinn hat "Ausgeliefert" nicht - woher auch, Pakete ausfahren ist ein tägliches Einerlei, eine Sisyphosarbeit gegen einen nie endenden Warenfluß. Ein Füllhorn von running gags sorgt für die nötige Dramaturgie. Es gilt, in nur drei Punkten volle Begeisterung zu begründen: Endlich ein Roman, der aus der Perspektive des einfachen Mannes auf den Punkt bringt, welche Fallen der freie Wettbewerb und des Anything Goes des Globalisierungszeitalters stellt und der gleichzeitig vorführt, welche Schlingen sich die Bürger freiwillig um den Hals legen. Endlich ein Roman ganz von unten, in dem die anachronistischen Dogmen von Bewegungen wie "Literatur der Arbeitswelt" von einem zeitgemäßen schriftstellerischen Rezept abgelöst werden, das sich als Wachrütteln mittels böser Pointen beschreiben ließe. Endlich ein Roman, der das Gegenteil von verschult ist, verfaßt von einem Autor, der mehr Schärfe an den Tag legt als das Gros der literarischen Hoffnungsträger der Großverleger. Und ungeniert, frech und durchtrieben ist die Präzisionsschreibe auch noch!
Nürnberger Nachrichten, 21.9.2005
Die Verunendlichung des Endlichen
Eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr, als daß eine Stadt Länge mal Breite mal Höhe in Sprache vermessen werden kann, außer sie hat, wie die Stadt Nürnberg, auf dem Papier die Form eines Trichters, wobei alles, was in die Stadt will, sich zum meßbaren Modell verkleinern muß, sagen wir exakt im Maßstag 1:200 Buchseiten. Äußerst günstig wirkt sich dabei der Umstand aus, daß es in Nürnberg einen virtuos schreibenden Autor namens Elmar Tannert gibt, der in seinem literarischen Debüt zum Stadtvermessen nur seine Extremitäten gebraucht, also die Hände, vor allem aber die Füße und ein seitenverkehrtes Denken. Weiters favorisieren Trichterform und modellhafter Aufbau des Romans den eigentlichen Sinn der Handlung, die Vermessung von Qualitäten anstatt Quantitäten, wobei die Qualität eines Ortes am Verhältnis von linken zu rechten Schritten zu messen ist. "Die Krankheit der Stadt zeigte sich ihm unter anderem daran, daß er an fast allen Orten, in fast allen Straßen mehr rechte als linke Schritte messe..."
So führt der Roman über 33 Sequenzen den Stadtvermesser in seiner interaktiven Tätigkeit seitenverkehrt vor, das heißt, die vermessenen Dinge - Bahnhof, Kanne, Stollen, Schnürsenkel, Psalm, Münze und anderes Zeit- und Geschichtsinventar - wohnen in selbstbespiegelnder Ich-Erzählung den Abschreitungen bei und sind dem Stadtvermesser gleichzeitig Gegenüber und Mitte, wobei sie ihn zwischen Monolog und Zwiegespräch in ihre persönlichen Geschichten verflechten.
Die Vexier- und Verwirrspielteilnehmer, die beim sporadisch inszenierten Rondo "Reise nach Jerusalem" aufgescheucht die Stühle wechseln, bebildern den Stadtplan mit immer neuen Vermessungen, wie der durch Nürnberg verlaufenden "Achse der Macht", gezeigt am Beispiel des früheren hiesigen Über-Gauleiters Hitler und des hiesigen Gauleiters Disney, was dem Stadtvermesser Krämpfe im linken Fuß vereitet und worauf er später dem stummen Autor verrät, daß er vorgibt, Mickymaushefte zu lesen, um als ein normaler Mensch zu gelten.
Die Via dolorosa wird nach den Kriterien des Wahnes und Schmerzes vermessen, nach der Erbauungszeit sowie nach den auf ihr gefallenen Worten. Als wiederkehrende Elemente zwischen Musikern, Taxifahrern, dem wahnsinnig gewordenen Tankstellennachtkassier und einem ägyptischen Pharao, der die Grenze zum Totenreich überschreitet und im Nürnberger Klinikum landet, tauchen poetische Bildmodule auf: der Schatten des Mittags, das Land der Bilderlosen, die Zigarettenmarken Marlboro, Gauloises sowie orientalische Finas, genannt Opferröllchen, mit denen ein pensionierter Straßenbahnschaffner den Fahrkartenentwerter bedient.
Im Kapitel "Katastrophe" schildert diese selbst, wie der Stadtvermesser vom Bürgermeister entlassen wird, weil er als geborener Linkshänder und umgeschulter Rechtshänder durch Überlastung seiner linken Gehirnhälfte Nürnberg leider seitenverkehrt vermessen hat und daher alles neu interpretiert werden muß. Die Conclusio für den Stadtvermesser gipfelt in der Erkenntnis, daß er demnach "sein Leben lang mit der falschen Hälfte geliebt hatte, auch bei seiner intensivsten Vermessung der Liebe unter den Kirschblüten im Klosterhof", wobei seiner eigenen Theorie zufolge die Liebe wie der Himmel wahrscheinlich einer der Orte ist, die man nicht mit Schritten messen kann.
Der Unterschied dieses Romans zu einem Mickymaus-Heft besteht darin, daß man letzteres nie aufgeschlagen liegen lassen darf, weil Tick, Trick und Track sonst herausspringen und ihre Augen suchen, die ihnen im Halbprofil fehlen. "Der Stadtvermesser" aber verfügt über die flugse Beweglichkeit eines lomographischen Rundumblicks, der sich eigenwillig der "Verunendlichung des Endlichen, die den Zwang zur immerwährenden Reproduktion mit sich bringt", entgegenstellt.
Die Presse, 17.6.2000
Der ausgelieferte Lieferant
Willkommen in der numerierten Welt. Das ist die Welt der Straßen, der Adressen, der Postempfänger. Dort bewegt sich der Nürnberger Autor auf sehr artifizielle Weise in seinem neuen Roman "Ausgeliefert". Helden gibt es keine; dagegen gibt es Unterhaltspflichtige, Fürsten, sowie - nun ja: nennen wir sie die Ausgelieferten. Und es gibt Elmar Tannert, der es schafft, aus diesen wenigen Versatzstücken eine ganz eigene kleine Welt zu bauen.Die Postzustellung im damals zersplitterten Deutschland war in ihrer Ursprungszeit ein fürstliches Privileg. Thurn und Taxis hieß das Geschlecht, das zur Beförderung von Brief- und Warensendungen berechtigt war; später dann hatte der Staat das Monopol auf die Zustellung. Von daher ist die Titulierung der Zusteller als "Fürsten" abgeleitet und diese Ironie ist in Tannerts anekdotenhaft angereicherter Sammlung aus dem realen Zustellerleben durchaus reichlich vorhanden. Aber keine Angst: Das Buch ist keine Aneinanderreihung purer Platitüden, sondern eher ein kleines Zeitgemälde aus - zugegeben - ungewöhnlicher Perspektive, nämlich von der Warte der kleinen Leute aus.
Tannert hat für seine Schilderungen eine Sprache gefunden, die recht unprätentiös daherkommt, ohne den literarischen Anspruch zu vernachlässigen: "Niemand weiß von der Kunst der Fürsten, obwohl jeder aus ihrer Hand Post empfängt, aber Post empfangen und Post zustellen hat so wenig miteinander zu tun wie Bücher lesen und Bücher schreiben, und deshalb ist der Subunternehmer gescheitert."
Aber Tannert schafft mehr, beobachtet auch den Alltag genau, freilich auf seine eigene Art: "Man braucht nur einmal das rücksichtslose Benehmen von Frauen zu erleben, die mit Kinderwagen unterwegs sind; wie sie jedem, der ihnen im Weg ist, den Kinderwagen ins Kreuz oder in die Hüfte rammen; und in ihrem Gesicht steht keine Entschuldigung geschrieben, sondern die Drohung: Aus dem Weg, ich bin eine Mutter." Außer solchen Bosheiten gibt es auch ein gutes Gramm Alltagsphilosophie: "Wie kommt es, daß ein jedes Kind das Versteckspiel liebt und Erwachsene eine Welt einrichten, in der kein Mensch sich mehr verstecken kann?"
Deutlich, ja überdeutlich werden in Tannerts Text die Schwierigkeiten geschildert, die dem nicht gerade überbezahlten Arbeitnehmer bei der Ausübung seiner Tätigkeiten in die Quere kommen. Man könnte diese Art der Aufarbeitung auch einsetzen, wenn es um einen Computerbetrieb oder um einen Partyservice ginge: Das macht "Ausgeliefert" zu einem modernen Text aus der Arbeitswelt, der jedoch meilenweit entfernt ist von den holzschnittartigen Vereinfachungen der einst hoch geschätzten "Arbeiterliteratur". Elmar Tannert ringt um Worte, die seine Intentionen ausdrücken können, und er findet die richtigen. Daß es nebenbei großen Lesespaß macht, seinen geschickt verpackten Gedankensplittern auch über Unterhaltspflicht und -pflichtige zu folgen, zeigt, daß dieser Autor etwas zu sagen hat, auch wenn er sich keineswegs eine spannende Handlung ausgedacht hat. Die hat das Buch auch nicht nötig.
"Ich lernte die Kunst, nicht zu früh und nicht zu spät vom Fürstentum zurückzukehren; denn den, der zu früh zurückkehrt, bestraft der Dienstregler, indem er ihm das Fürstentum vergrößert, und wer zu spät zurückkehrt, ist in den Augen des Dienstreglers den fürstlichen Aufgaben nicht gewachsen." Poetischer haben es wohl wenige Autoren hingekriegt, den simplen Arbeitsalltag in Worte zu fassen.
Nürnberger Zeitung, 7.9.2005