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Hausbesichtigung

 

Neben dem Pavillon standen lebensgroße Schachfiguren einander gegenüber. Seit Jahren hatte niemand sie in den Krieg gezogen. Eine Katze strich durch den verschneiten Garten. Die Malerin wandte sich vom Fenster ab.

»Die Villa gefällt mir«, sagte sie. »Darf ich sie anprobieren?«

»Selbstverständlich«, sagte ich. »Warten Sie, ich helfe Ihnen.«

»Nein, es muß leicht gehen. Ich brauche ein Haus, in das ich hineinwachsen kann. Erst wenn die Wände farbig geworden sind, und wenn ich beginne, mich an ihnen zu reiben, möchte ich wieder aus ihm erwachen.«

Während der Anprobe stahl sich die Dämmerung in die alte Villa. Draußen begannen die Bauern einen lautlosen Kampf, Läufer zogen schräge Bahnen, die Damen standen ihren Königen bei. In der Küche sang ein Wasserkessel, im Salon entfaltete sich der Duft von Kaffee und Zuckergebäck, ein Flügel nahm Konturen an und sehnte sich nach Händen.

Ich hörte die Stimme der Malerin aus dem Kamin.

»Spielen Sie! Es ist ein wirkliches Traumhaus. Nur den Schornsteinfeger muß man rufen, zu viel Ruß hat sich angesammelt.«

»Es liegt weit entfernt von der Stadt«, rief ich, »wer hier wohnt, darf nicht furchtsam sein.«

»Nachts werden die Sterne funkeln«, antwortete sie, »und im Sommer sollen Schwäne im Teich leben.«

Ich goß ihr eine Tasse Kaffee ein, als sie wieder im Salon erschien.

»Das Haus steht Ihnen ausgezeichnet«, sagte ich.

 

Man darf Häuser nicht zu lang sich selbst überlassen. Sie werden sonst unglücklich wie begonnene Kreuzworträtsel und träumen ihre Lösung.

 

Aus »Fürth. Eine weibliche Stadt«.

Kalender mit Doris Baum, 2007.

 

 

Schwarze Weihnacht

 

Am frühen Morgen des 24. Dezember klingelte es Sturm. Ich stand auf, öffnete das Fenster und sah auf die Straße hinunter. Vor dem Haus stand ein brikettbeladener Lastwagen und warf mit orangefarbenem Signallicht um sich, doch der Himmel blieb blaß. Von oben nach unten ist alles ferner als von unten nach oben. Ein Mann mit rußigem Gesicht blickte mir entgegen, trat die Haustür ein und schrie mich an Wer saufen kann, der kann auch aufstehen! Ich bestelle Jahr für Jahr bei einem anderen Kohlenhändler, aber noch keiner hat seine Lieferung am Nachmittag gebracht. Schlaftrunken, unter dem Nachthemd nackt, stolperte ich die Treppen hinab, in der Hand meine letzten Ersparnisse. Ich hatte die zerrissenen Schnürsenkel durch filzstiftgeschwärzte Paketschnur ersetzt, ich hatte den Bleistift als Zahnbürste benutzt, ich hatte den Ofen wochenlang mit verschimmeltem Brot beheizt. Der Kohlenhändler trug seine Fracht Bündel für Bündel in den Keller. Wir verachteten einander. Du lebst von der Kälte und vom Tod, sagte ich und gab ihm das Geld, in jedem schwarzen Quader stecken die Leichname von Sauriern, Farnen und Archaeopteryxen.

 

Postcardstory, ars vivendi

 

 

Zwei Schwestern

 

Sie öffnete den Briefkasten. An manchen Tagen hatte sie Angst davor. Mit fahrigen Fingern holte sie die zweifach gefaltete Karte einer Pizzeria heraus, die wöchentlichen Sonderangebote vom russischen Supermarkt um die Ecke, einen Modekatalog. Die Bedrohung verbarg sich ganz hinten, mit schwarzem Filzstift auf billiges, allzu weißes Papier geschrieben. Sie konnte es mittlerweile hören, wenn ein solcher Brief am Morgen in den Kasten fiel; und wenn sie sich das Kopfkissen an die Ohren preßte, spürte sie bis in den vierten Stock, wie das Haus unter dem Aufprall der schweren schwarzen Lettern erbebte.

»Grins nicht so!« fuhr sie die junge blonde Frau an, die auf der Titelseite des Katalogs in einem trägerlosen roten Kleid posierte und, wie man aus ihrem strahlenden makellosen Lächeln lesen konnte, niemals böse Briefe bekam. Einen Augenblick lang lockte sie der Gedanke, das Kleid könnte ihre Rettung sein, sie müßte es nur bestellen, überstreifen und niemals mehr ablegen, um sich für immer in eine sorglose Schönheit zu verwandeln, deren Schuld von der Überschrift »Starten Sie mit uns in den Frühling!« getilgt wurde.

Der Brief begann mit denselben Worten wie immer: »Ich werde Dich töten.« Die Worte, die darauf folgten, hatten ihr über Wochen und Monate hinweg genau erklärt, warum sie sterben mußte und wie. Jetzt erfuhr sie, noch immer im Hausflur am geöffneten Briefkasten stehend, zum ersten Mal, wann. Selbst wenn das Frühlingskleid magische Kräfte besäße, es würde nicht mehr rechtzeitig eintreffen, um sie zu retten.

Die Polizei? Die lachte nur noch über die Verrückte mit ihren Briefen.

Sie stieg langsam die Treppe hoch, ging in ihrer Wohnung als erstes ins Badezimmer und ließ Wasser in die Wanne ein. Es hatte also alles nichts genützt. Wie oft war sie zum Grab ihrer jüngeren Schwester gepilgert, hatte sich vor dem marmornen Grabstein, von dem ihr, der Gealterten, ein ewiges kleines Mädchen entgegenlächelte, auf die Knie geworfen und um Verzeihung gefleht.

Das Wasser rauschte wie damals. Sie zog sich aus und betrachtete sich im Spiegel. Wie konnte ein Elternpaar nur zwei so unterschiedliche Töchter hervorbringen, einen herzigen kleinen Sonnenschein und eine, die nur die Wahl hatte, entweder im Schatten zu stehen oder in unbarmherziges Licht getaucht zu werden? Wie diese Sorglosigkeit besitzen, zwei solche Töchter einige Minuten unbeaufsichtigt in der Badewanne zu lassen?

Und wie kann es sein, war ihr letzter Gedanke, als sie im rotgefärbten Wasser lag, daß man einen Menschen auch durch den Tod nicht loswird?

 

Krimikalender 2015, ars vivendi

 

 

Kontakt: mail@elmar-tannert.de

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© Elmar Tannert